Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich Nachahmer des Christus bin! [1. Korinther 11,1]
Paulus schreibt diese Worte nicht aus Selbstüberschätzung. Er weist nicht auf sich, sondern auf Christus. Die Gemeinden kannten seine Kämpfe, seine Opfer und seine Fehler. Trotzdem konnte er sagen: „Folgt meinem Beispiel.“ Nicht weil er vollkommen war, sondern weil seine Richtung stimmte. Wer Paulus beobachtete, sollte Jesus erkennen.
Wie fremd ist uns dieser Satz heute geworden. Welcher Christ würde noch sagen: „Schaut auf mein Leben. Ich gehe Christus nach.“ Die meisten würden antworten: „Schaut nur auf Jesus.“ Das klingt demütig, kann aber auch ein Rückzug sein. Denn warum kann heute kaum noch jemand sagen: „Folge meinem Beispiel“? Christus ist nicht weniger nachahmenswert, und sündiger als Paulus sind wir kaum. Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, dass Glaube Privatsache bleibt. Wir reden lieber über Nachfolge, als ein Leben zu führen, das andere nachahmen könnten. Doch genau das braucht die Gemeinde. Kinder und junge Christen lernen nicht zuerst durch Predigten oder Bücher, sondern durch Menschen, die sichtbar beten, vergeben, dienen und leiden. Die Welt wird nicht durch perfekte Christen überzeugt, sondern durch Christen, die glaubwürdig hinter Christus hergehen. Natürlich darf niemand an uns statt an Christus gebunden werden. Aber das Neue Testament kennt auch keine Christen, die sich jeder Vorbildfunktion entziehen. Es kennt Menschen, deren Glaube nachahmenswert war. Vielleicht ist das einer der stillen Notstände unserer Zeit: Viele Inhalte, aber zu wenig gelebte Nachfolge. Zu wenige Leben, die zeigen, wie es aussieht, Jesus nachzufolgen. Deshalb sollten wir uns nicht zuerst fragen, ob wir Paulus‘ Worte aussprechen könnten, sondern ob unser Leben dieselbe Richtung weist. Könnte ein junger Christ an unserem Leben lernen, wie man betet, vergibt, Buße tut und auch im Leid an Christus festhält? Christus hat uns nicht nur berufen, ihm zu folgen. Er hat uns auch in seine Gemeinde gestellt, damit andere durch unser Leben ermutigt werden, denselben Weg zu gehen. Das ist der Auftrag jedes reifen Christen.
R. Dickert

